home

Portfolio

Bibliography

News

Biography

Contact

Bibliography 1

Zu den Arbeiten von YAMAUCHI Tatsuo
von Masaaki SHINDO, Schriftsteller

Wir können sagen, dass die westliche Kultur eine Denkweise fördert, die zu einer entsprechenden Bauweise führt, in der auf Stein gelegt wird. Im Unterschied dazu gibt es in Japan eine andere Tendenz des Denkens, und zwar wird anstatt Mauerziegel aufeinanderzuschichten „Spiritualität“ im heiligen Zwischenraum platziert, im Raum der Leere zwischen zwei hölzernen Pfeilern. Man könnte sagen, dies trifft auch auf die Malerei zu. Der Unterschied in der Wahrnehmung des Raumes kann so gesehen werden, dass in der westlichen Denkweise der Raum durch die Perspektive definiert wird. In Japan kann der Raum aber auch so verstanden werden, wie er sich in der traditionellen Tuschmalerei (Sumie) oder im Holzschnitt (Ukiyoe) zeigt.

Diese Tendenz jedoch scheint sich plötzlich seit dem Beginn des 19. Jhd. umzudrehen. Der an der Perspektive orientierte Westen findet Interesse am japanischen Holzschnitt und engagiert sich für die endlose Auflösung und Wiederherstellung des Raumes. Die Avantgarde entwickelt neue Tendenzen auf der Suche nach dem „Nichts“.

Währenddessen hält Japan bewundernd Ausschau nach der Schönheit des westlichen „Konstruktivismus“, versucht diesen nachzuahmen, um ihn auf eigenem kulturellen Boden einzupflanzen. Auch das Werk von Yamauchi begann zunächst einmal mit der Wahrnehmung und Anerkennung des westlichen Konstruktivismus. Dies war die Geburt einer künstlerischen Vorgehensweise, die Yamauchi als „Work by Addition“ bezeichnete.

Yamauchis Thema bleibt seit seinen ersten Studien unverändert. Man könnte es ausdrücken als eine Anerkennung seiner eigenen Sphäre der Existenz durch Form und Farbe. Aber er entdeckte, dass die Akkumulation ihn nur in eine Nachahmung westlichen Dramas zwischen „Subjekt und Expression“ führte. So begann seine Suche des Weglassens und der Reduktion.

Yamauchi begann nun an der Leinwand zu schaben, Form und Farbe wegzuschaben. Er schabte sich bis zu einem Punkt vor, wo sich die Leinwand förmlich aufzulösen begann. Dies ist in keinster Weise eine Zurückweisung des Entwurfes oder Komposition. Der Künstler stiess nur am Ende seines Entwurfes an die Grenzen der Kunst, des „Künstlichen“ überhaupt und begegnete wieder der Natur selbst in Form der freigeschabten Leinwand. Dies führte ihn dazu, demütig mehr und mehr seiner eigenen inneren Stimme zu gehorchen.

Scharfumrissene und lichte Formen erscheinen nun in einem nicht genau definierten Raum. Dies können wir als einen „Dialog zwischen Liebenden“ interpretieren, oder auch als die „ideale Form der Familie.“ Zusätzlich können wir diesen Dialog auch als Ausdruck einer Energie erkennen, die in einem weiten, unendlichen Raum für sich selbst und gleichzeitig in Harmonie mit der Natur steht.


Yamauchi ist allmählich zu diesen Arbeiten vorgedrungen. Aber die Tatsache, dass der Künstler in diese angestrebte Richtung ging, machte es ihm gleichzeitig unmöglich dort zu verweilen. Die Suche musste weitergehen und schliesslich dahin führen, dass Leinwand, Farbe und Form an die äusserste Grenze der Auslöschung kamen. Dies beinhaltet notwendigerweise auch gleichsam die Auslöschung des Künstlers selbst. Yamauchis Arbeit in dieser Periode schien in eine Richtung der „Auslöschung alles Geschaffenen“ zu führen.

Im westlichen Denken ist das „Nichts“ nur eine Quelle der Angst, verbunden mit der Vorstellung der Abwesenheit Gottes. Aber dies ist notwendigerweise nicht so in Japan. Dort gibt es ein „Nichts“ oder eine erfüllte Leere - „MU“ genannt. Ein Wirbel aus Energie, der in sich selber zu ruhen scheint. „MU“ ist auch Chaos, vielleicht aber auch eine Struktur, ein „Mandala aus Energie.“ Leider verlieren verwestlichte Japaner bereits die Erinnerung an diese Tatsache.

Yamauchis Arbeit - die uns zur reinen Auslöschung hinführt - zieht uns hinein in den „Raum zwischen den Säulen“ und bringt uns oben diese spirituelle Dimension wieder in Erinnerung.

Yamauchi lebte und arbeitete immer auf dem Lande, genau gesagt in der Umgebung der Stadt Kushiro im Norden Japans, Hokkaido. Aber diese geografische Lokalisation bedeutet nicht notwendigerweise intellektuelle Rückständigkeit. Im Gegenteil, dieser Raum des Nichts dehnt sich überallhin aus, ist allgegenwärtig. Er konzentriert in sich eine starke Energie und wird somit zu einem Zentrum jeglichen Seins, zur eigentlichen „Mitte.“ In diesem Sinn ist Yamauchis Schaffen unzweifelhaft eine zentral wichtige Arbeit für die gesamte Welt.

Wir begegnen hier eine künstlerische Position, die am Ende eines langen und harten Kampfes alle Verhaftungen an das eigene „Ich“ zurückgewiesen hat. Und gerade aus diesem verdichteten neuen Raum scheint uns beständig der frische Wind eines neuen Jahrhunderts entgegenzuwehen …


Deutsche Übersetzung von
Gisela MÄLCHERS
Manfred MAKRA


© The works of YAMAUCHI Tatsuo, Published by Gallery Time, 2007