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„Alle Augenblicke der Erleuchtung kommen wie ein Blitz. Das Auge zu verachten und das Ohr zu preisen ist,
als wäre man zwischen Wasser und Wolken. Sag nicht, es gäbe keinen anderen Weg!“

„Sinnbild - Seele - Weg“

Manfred Makra,
anlässlich der Ausstellungseröffnung im museum der wahrnehmung graz, 2008

Sehr geehrte Damen und Herren, geschätzte Kunstfreunde und Besucher der Ausstellung „Sinnbild - Seele - Weg“ von Yamauchi Tatsuo. Mit diesem Statement des buddhistischen Abtes Kuangen möchte ich den Raum etwas erhellen, der als Versuch einer Beschreibung des Werkes von Yamauchi nun vor mir liegt. Jeder Versuch wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt, würde man in diesem Fall nicht jene wundervolle Neigung respektieren welche die Japaner besitzen, nämlich das Unerklärliche unerklärt zu lassen.


In der Tradition des japanischen Zen-Buddhismus - und darauf werden wir heute noch ausführlich zu sprechen kommen - wird davon ausgegangen, dass ein klares Begreifen vor allem durch Worte vereitelt wird. Mehr schon möchte ich versuchen Ihnen das kulturell-geistige Umfeld näher zu bringen, aus welchem die Kunst und natürlich auch die Biografie von Yamauchi Tatsuo hervorgegangen sind.

Megumi Tsuchiya, die aus Tokyo stammende und nun in London lebende Kuratorin dieser Ausstellung, schreibt im Vorwort der Einladungskarte, dass die Vorgehensweise des Künstlers so ist, als ob er ein Blumenfeld bearbeite - mit der Betonung, dass er immer auf den Ruf des Feldes warten würde.

Wie schon erklärt und ohne Übertreibung kann man an dieser Stelle sagen, dass eine der tiefsten Wurzeln in diesem metaphorischen "Blumenfeld" der japanische Zen-Buddhismus ist, aus welchem Yamauchi seine künstlerische Inspiration bezieht und wovon auch sein „Lebensentwurf“ in vielen Bereichen durchdrungen scheint.

Es ist bekannt, dass die meisten Sachverständigen, Japaner wie Ausländer, die überhaupt unparteiisch und verständnisvoll über das kulturelle oder geistige Leben des japanischen Volkes schrieben, von der Bedeutung des Zen-Buddhismus für den Aufbau des japanischen Wesens in gleicher Weise überzeugt sind. Zen ist eine ästhetische Philosophie, die so ungreifbar und derart in Schleier jahrhundertalter Geheimnisse gehüllt ist, dass selbst die ehrgeizigsten, japanischen Gelehrten einen weiten Bogen darum machen und sich an die japanische Tradition halten würden: „… nur in höchst poetischen Begriffen davon zu sprechen.“

Im 7. Jahrhundert brachte Meister Genjo die Weisheit des „Herz-Sutra“ von Indien nach China. Der Anfangssatz dieser ur-buddhistischen Schrift lautete: „Die Form ist Leere, Leere ist Form“.

Ohne weiteres könnte man dieses Sutra auch als Untertitel für die Ausstellung von Yamauchi Tatsuo im Museum der Wahrnehmung wählen, worauf ich später noch eingehen möchte.

In der Kamakura-Zeit, etwa um das Jahr 1300, wanderten chinesische Zen-Mönche ins Land der aufgehenden Sonne aus und machten die „Leere“ zum Kernpunkt einer neuen spirituellen Methode, die sich bald auch auf die Ästhetik des Alltags, von der einfachen Bekleidung, über die Gartengestaltung, bis zur Tee-Zeremonie übertrug.

Im 16. Jahrhundert reduzierte die Zen-Malerei (Zenga) ihre komplizierteren Landschafts- und Figurendarstellungen auf ein Minimum. Obwohl der Bildbegriff bei Yamauchi Tatsuo von den Entwicklungen der westlichen Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts nicht unbeeinflusst geblieben ist, ist sein Stil doch in erster Linie der Tradition japanischer Ästhetik verpflichtet.

Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang natürlich der Einfluss der Zen-Malerei auf die spätere Entwicklung der modernen Kunst in Europa und Amerika, worauf ich am Schluss noch zu sprechen kommen möchte.

Unter den für das japanische Kunstschaffen besonders charakteristischen Zügen ist der so genannte „Eineck-Stil“ zu erwähnen, der von MA YUAN, einem der größten Meister der südlichen Sung, ausgegangen ist. Dieser "Eineck-Stil" ist psychologisch verknüpft mit der japanischen Maltradition des „sparsamen Pinsels“, die davon ausgeht mit der kleinstmöglichen Anzahl von Linien oder Strichen sichtbare Formen auf Seide oder dem Papier festzuhalten. Beides ist ganz in Harmonie mit dem Zen-Geist. Ein einfaches Fischerboot mitten im leichtgewellten Wasser ist genug, um im Sinn des Betrachters, der Betrachterin, ein Gefühl der Weite des Meeres und zugleich des Friedens und der inneren Stille aufzuwecken - das Zen-Gefühl für tiefe Einsamkeit.

Yamauchis Haus liegt in einer einsamen Umgebung auf der Insel Hokkaido, im Norden Japans. Von seinem Wohnsitz aus benötigt er einen Fußmarsch von 40 Minuten um auf den nächsten Nachbarn zu treffen. Und gerade hier in dieser Menschenleere entwickelte der Künstler seine alles entscheidende Arbeitsweise, welche er beschreibt als „… das Selbst auf die Leinwand bringen“.

Und gerade hier verschränken sich seine moderne Arbeitsweise wiederum mit der Tradition des Zen. Schon im dreizehnten Jahrhundert verbanden ZenMönche die Welt der Kunst mit der Philosophie zu einem symbiotischen Ganzen, indem die Funktionen und die Ziele dieser beiden Weiten praktisch nicht mehr voneinander zu trennen waren. Seitdem ist die japanische Kultur eine nicht versiegende Quelle schöpferischer Kraft, deren Einfluss auf die Kunst und Kultur der gesamten Welt von der keines anderen Landes übertroffen wird - ziemlich erstaunlich für ein Land, das nur ein Dreißigstel der Größe der Vereinigten Staaten hat.

Um den Wert des japanischen Bild- und Kunstbegriffes zu veranschaulichen, möchte ich wieder zum anfangs erwähnten „Blumenfeld“ zurückkehren.

Yamauchi sagt, wenn die Bearbeitung des Blumenfeldes - und er meint damit die Arbeit an sich selbst - gut genug ausgeführt worden war, würde ihm das Feld mitteilen, was er darauf anpflanzen sollte. Wenn nicht, war die Bearbeitung noch nicht genug ausgeführt worden. Im Mal-Alltag heißt das für ihn, … auf den Ruf der Leinwand zu warten, im stillen, dunklen, abgeschiedenen Raum. Und wenn ihn dieser Ruf ereilt, kann er sofort in eine andere Dimension eintauchen, wo ihn höchste Inspiration in kühler Atmosphäre umfängt.

Aus der Perspektive des Zen sind Kunstwerke, die in Augenblicken der Inspiration oder Erleuchtung ausgeführt werden, in der Tat Medien, durch die andere das Ungreifbare begreifen können. Sie sind getränkt von der Magie des Augenblickes ihrer Schöpfung und werden deshalb mit größtem Respekt behandelt. Die Japaner schätzen Kunst für die Weisheit, die sie enthält und für ihre Fähigkeit diese Weisheit anderen zu übermitteln.

Da Zen sich nicht auf die Sprache verlässt, fiel der Kunst die Rolle zu, tiefe Wahrheiten zu kommunizieren. Sie war für die Maler ein Vehikel, ihre Einsichten mit anderen zu teilen.

Die Auslöschung der Wichtigkeit des Ichs gilt als Schlüssel zur Hervorbringung einer solchen Kunst. Angestrebt wird die Sammlung des Geistes auf eine einzige Aktivität, und durch die ständige Disziplin der Sammlung vermag der Zen-Maler sich von der Vorherrschaft des Egos zu befreien und mit der Aktivität eins zu werden. Eugen Herrigel, berühmt geworden mit seinem Buch „Zen - und die Kunst des Bogenschießens“ erzählt im selbigen eine Geschichte mit seinem Lehrer. Nach vielen Jahren der Bemühung nahm Herrigels Lehrer ihn eines Nachts zur Seite und zeigte ihm, wie die „Unsichtbaren Mächte“ den Pfeil leiten und dass er nur ein Kanal für diese Mächte sei.

Nachdem der Meister das Licht auf dem Scheibenstand des Schießstandes gelöscht hatte, schoss er nacheinander zwei Pfeile auf die im Dunklen stehende Zielscheibe ab. Als Herrigel wieder Licht im Scheibenstand machte, sah er, dass der erste Pfeil mitten ins Schwarze getroffen und der zweite Pfeil den Schaft des ersten gespalten hatte. Statt sich dieser rational nicht erklärbaren Leistung zu rühmen, erklärte sein Meister bescheiden: „ich … weiß, dass nicht „ich“ es war, dem dieser Schuss angerechnet werden darf. „Es“ hat geschossen und hat getroffen.“

Yamauchi beschreibt diese Erfahrung eben als: „ … das Selbst auf die Leinwand zu bringen“.

In Kyoto hörte ich einmal folgendes japanisches Sprichwort: „Die Schönheit eines japanischen Gartens besteht darin, dass er ist“. Ich sehe einen weitgehenden Zusammenhang zwischen diesem Sprichwort und dem Werk von Yamauchi Tatsuo. Darum bin ich sehr vorsichtig, allzu viel Kunsthistorisches, Theoretisches oder Vergleichendes in seine Bilder hineinzuprojizieren - um der schönen Tatsache des oben erwähnten Sprichwortes nicht entgegenzuwirken.

Und dennoch gilt es, eine Annäherung an den japanischen und im besonderen an den Schönheitsbegriff Yamauchis zu versuchen. Während meines ersten Besuches bei Herrn Kazumi Sudo in seiner schönen „Gallery Time“ - gelegen in der Ginza im Herzen Tokyos - bekam ich eine unvergessliche Einführung in „the seven elements of zen-beauty“. Er meinte, ohne diese Säulen der Zen-Ästhetik wäre es für westlich Kunstinteressierte unmöglich, das Wesen von Yamauchis Werken zu verinnerlichen.

Gerne möchte ich hier einige „elements“ erwähnen, welche mir im Zusammenhang mit Yamauchis Bildern besonders in Erinnerung geblieben sind, wie zum Beispiel: „oku ga fkai“, was soviel wie „Tiefenraum“ durch Verdichtung bedeutet. Oder „asobi“, was auf Unschärfe und leichte Auflösung hinweist. Oder „yugen“, die Situation des Lichtes vor dem Sonnenaufgang, welches zwar tief dunkel ist, aber die Sonne schon in sich trägt. Natürlich auch die berühmten Silben „MA“, was man mit "Zwischen-Raum" übersetzen könnte, aber auch um etwas über eine Sache auszusagen, ohne dass die Sache beim Namen genannt wird. Mit dem „MA“ können aber auch Bezüge hergestellt werden zwischen den Elementen, Situationen und Strukturen der jeweiligen Dinge. Und dann natürlich das berühmte „MU“, das vielleicht wichtigste Element im Werk Yamauchis. Ein Begriff für das Nichts, oder wie es die Japaner so oft erwähnen: „die erfüllte Leere“.


Die Leere wird bei uns im Westen negativ empfunden, zumeist als Verlust. Die innere Leere bedeutet Verlorenheit. Im Osten ist die Leere der Anfang und das Ziel des Seins.

Masaaki Shindo - ein japanischer Schriftsteller schreibt im Katalogtext zu einer Ausstellung von Yamauchi : „Im Westlichen Denken ist das „Nichts“ nur eine Quelle der Angst, verbunden mit der Vorstellung der Abwesenheit Gottes“. Aber dies ist notwendigerweise nicht so in Japan. Dort gibt es ein „Nichts“ oder eine erfüllte Leere - „MU“ genannt. Ein Wirbel aus Energie, der in sich selber zu ruhen scheint. „MU“ ist aber auch Chaos, vielleicht aber auch eine Struktur, ein „Mandala aus Energie“. Leider verlieren verwestlichte Japaner bereits die Erinnerung an diese Tatsache.

Auch wenn die Menschen in der Tat verschieden sind - wobei der kulturelle Hintergrund eine große Rolle bei der Definition dessen spielt, was Menschen als schön wahrnehmen - scheint es doch Elemente einer visuellen Ästhetik zu geben, welche den Abstand zwischen den verschiedenen Kulturen überbrücken. Das könnte vor allem für die Tatsache sprechen, dass die Schönheit des Zen-Stiles wegen seiner tiefen Lebendigkeit, Schlichtheit und Reinheit immer mehr Resonanz im Geschmack des westlichen Menschen findet, indem er bekräftigt, wie unbedeutend wir in einer Welt ständigen Wandels sind.

Am Schluss möchte ich noch auf die Frage des Raumes eingehen, die das Werk von Tatsuo Yamauchi sicherlich an die aufmerksamen BetrachterInnen stellen wird. Das Problem des Raumes stellt sich in Japan dringlicher als in vielen anderen Ländern, sowohl auf der physischen als auch auf der metaphysischen Ebene. Physisch, weil die Bergzüge, die die Landschaft dominieren, den Raum, der zum Leben übrig bleibt, stark einengen - die durchschnittliche Wohnung in Tokyo ist etwa 35 - 40 Quadratmeter groß.

Diese physische Beschränkung hat notwendigerweise zu einem Gebrauch des Raumes geführt, der ihn möglichst optimal ausnutzt. Die Knappheit des Raumes hat ihn zu einer hochgeschätzten Ware gemacht, so dass der Gebrauch des Raumes immer ein wichtiges Element der japanischen Ästhetik gewesen ist.

Der Gebrauch von Raum ist nicht nur auf den Raum beschränkt, in den man ein Objekt hineinstellt, sondern betrifft auch den Raum innerhalb des Objektes. Während eines Gespräches mit Yamauchi war ich einigermaßen überrascht, als er mir auf die Frage: „Welcher westlich-moderne Künstler ihn am meist“ beeinflusst hätte" - antwortete: „Alberto Giacometti!“ Giacometti deshalb, weil er am meisten Raum in seine komprimierten Figuren verdichten konnte. Ein japanisches Sprichwort lautet: „Im leeren Raum hat das geringste Ding größte Bedeutung“.

Während einer Zugfahrt von Naojima nach Okayama unterhielt ich mich mit einem Professor für Architektur und fragte ihn, was seiner Meinung nach der Hauptunterschied zwischen der westlichen und der japanischen Architektur sei. Er meinte darauf: „Im Westen haben immer die Dinge den Raum beherrscht. In Japan herrscht der Raum über die Dinge“.

Nun gehören Reinheit und Klarheit und der Hang zur Reduktion auch zum ästhetischen Grundton der westlichen Moderne und ihren klassischen Protagonisten. Neben Bruno Taut mussten auch Le Corbusier und Walter Gropius im alten Japan das wiedererkennen, was sie soeben als revolutionäre Erfindungen des „International Stils“ gepriesen hatten.

„Lieber Corbu“ - schrieb Gropius 1953 an seinen Kollegen, „Alles, wofür wir gekämpft haben, hat seine Parallelen in der alt-japanischen Kultur“. Etwas moderater formulierte es der Wiener Architekt Adolf Loos: „Moderne Architektur ist japanische Kultur plus europäische Tradition“.

Mit diesem „Dialog der Kulturen“ liefert nun auch das Museum der Wahrnehmung MUWA durch die Ausstellung „Sinnbild - Seele - Weg“ des japanischen Künstlers Tatsuo Yamauchi einen Beitrag zur Frage nach einer noch zu definierenden „Weltkunst“ in einer globalisierten Welt. Mein japanischer Kollege und Freund Norio Kajiura - den ich heute hier leider vermisse und dem ich viele kostbare Erfahrungen in Japan verdanke - hätte jetzt, auf die Frage, ob man das alles zu den Bildern von Yamauchi Tatsuo überhaupt sagen könnte - mit Sicherheit geantwortet: „zuviel erzählt… “

© Manfred Makra

www.makra-ma.com