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Interview

Das Interview mit Yamauchi Tatsuo entstand im MUWA, museum der wahrnehmung graz, am 29. Feb. 2008, vormittags. Nach der Übersetzung von Megumi Tsuchiya ins Japanische und den Antworten Yamauchis retour ins Englische erfolgte die Übersetzung ins Deutsche von Mag. Eva Fürstner und Mag. Heide Spitzer. An dem Gespräch nahmen teil: Yamauchi Tatsuo, Megumi Tsuchiya, Sudo Kazumi, Sabine Richter, Manfred Makra, Eva Fürstner, Heide Spitzer, Wemer Wolf.

Frage:
Herr Yamauchi Tatsuo, ein japanisches Bilder-Rätsel ist auch bei uns bekannt. Es lautet folgendermaßen: Ein weiser japanischer Maler möchte einen Baum malen. Dazu setzt er sich vor einen Baum und betrachtet diesen. Eine Stunde lang. Daraus werden drei Stunden. Ein Tag lang. Eine Woche, ein Monat lang, ein volles Jahr! Dann malt er einen Strich - er hat den Stamm gezeichnet! Es passt ihm und er geht! Herr Yamauchi Tatsuo, wie lange malen Sie an einem Bild?

YAMAUCHI Tatsuo:
Das ist keine Frage der Zeit, wie z.B. eine Stunde oder eine Woche oder ein Tag oder weniger als ein Tag. Es ist eine Frage der Geschichte, aus meiner Vergangenheit, z.B. die Geschichte meiner Familie, die Geschichte der Stadt, die Geschichte der Zeit und des Ortes, an welchem ich geboren und aus dem ich gekommen bin. All das ermöglicht mir, einen Pinselstrich zu vollführen.

F:
Herr Yamauchi Tatsuo, bedeutet das, dass Sie jetzt zwar hier sitzen und uns Antworten geben, dass Ihnen aber der Zustand, in welchem Sie malen bei weitem wichtiger ist, weil er ein höheres Maß an Konzentration erfordert?

Y.T.:
Wenn ich einer Leinwand gegenüber stehe, im Atelier, versuche ich Leere in meinen Gedanken zu finden. Leere, nicht im Raum, sondern in meinen Gedanken. Das ist sehr wichtig für mich, wenn ich etwas tun möchte. Aber bevor ich etwas mache, muss Leere in meinen Gedanken herrschen.

Ich habe mich gestern mit der Stadt Graz auseinandergesetzt und mit der Stille einer Kirche und dieses Museums. Ich bin durch diese Kirche gegangen und spürte die Stille - es war nichts zu hören, aber es war etwas vorhanden. Und nun sitze ich vor Ihnen und meinen Bildern und es existiert Leere in meinen Gedanken. Es existiert ein sehr starkes Band zwischen der Stadt und dem Atelier.

F:
Ihre Auseinandersetzung mit Ihrem hervorstechenden Charakterzug der „Reduktion“ zwingt Sie ja gerade zu mindestens doppelter Arbeit: Zunächst malen Sie ein Bild, dann sind Sie gezwungen zu reduzieren, die Malerei wegzunehmen, bis ein Zustand erreicht ist, der dem inneren Bild entspricht. Ist das so?

Y.T.:
Als Erstes trage ich die Farbe auf, die reine Farbe. Dann muss ich solange warten, bis die Farbe sich verändert, reift gewissermaßen - vergleichbar mit dem Reifeprozess von Wein im Keller. Ich trage also die Farbe auf die Leinwand auf, bis der Zeitpunkt da ist, um zum nächsten Schritt weiter zu gehen. Ich warte so lange, bis die Farbe ihre ideale Form angenommen hat. Ich kann nicht malen, malen, malen. Ich muss warten, warten, warten.

Der allererste Schritt der Arbeit ist nicht die Farbe auf die Leinwand aufzutragen, sondern die Leinwand selbst zu bearbeiten, sie abzuschaben. Das ist mein erster Arbeitsschritt: schaben, schaben, schaben bis man durch die sehr dünne Leinwand sehen kann. Dann trage ich die Farbe auf und warte, warte, warte. Dann schabe ich wieder ab und trage eine weitere Farbe auf. Das ist der Grund, warum ich manchmal zwei Jahre lang an einem Bild arbeite. Nachdem ich also die Leinwand abgeschabt habe, ist diese dünner als Papier. Deshalb musste ich eine Technik entwickeln, um die Leinwand auf der Rückseite zu verstärken, was mich 18 Jahre Zeit gekostet hat. Ansonsten könnte ich die Bilder nicht transportieren.


F:
Im Japanischen gibt es den Begriff des „MU“, der "erfüllten Leere". Frau Megumi Tsuchiya hat in ihrem Vorwort darauf hingewiesen, dies sei ein Raum „wirbelnder Energie“ und gleichzeitig „völliger Ruhe“. Können Sie diesen den meisten von uns unbekannten Raum mit Ihren Worten näher beschreiben?

Y.T.:
Das Konzept des „MU“ - der erfüllten Leere ist die Basis des Universums. Das ist eine sehr bedeutende Tatsache, aber das ist die Wahrheit, nämlich dass die Grundlage des Universums jene ist: Es wird etwas geschehen, aber es ist noch nichts geschehen bisher. Diese Übereinstimmung nenne ich „MU“. Etwas wird passieren, aber es ist noch nichts passiert. Ein sehr starker Zustand, aber dieses Nichts ist „MU“.

In meiner Kunst setze ich mich mit dieser Situation auseinander. Ich habe dafür fast 20 Jahre gebraucht. Es bedeutet, wir können den Zustand in unseren Gedanken haben, aber diesen auf die Leinwand zu bringen, ist sehr viel schwieriger, als ihn in Gedanken zu haben. Dazu benötige ich eine Technik und muss meine Gedanken löschen. Erst dann kann ich den Zustand des „MU“ auf die Leinwand bringen. Aber dieser Zustand des „MU“ ist nicht das Endgültige. „MU“ existiert immer weiter, auf verschiedene Art und Weise, in verschiedenen Situationen, an verschiedenen Orten. Für mich als Künstler ist das Entdecken eines neuen „MU“ immer sehr aufregend und spannend.


F:
Ich frage deshalb so genau nach, weil der Vorgang des „Sich-selbst-auf-die-Leinwand-Bringen“ damit in Verbindung steht. „Sich-selbst-auf-die-Leinwand-Bringen“ heißt auch, dass der Künstler mit seinem Werk einen echten Dialog eingeht: Kein Quasi-Zwiegespräch zwischen „ich“ mit „mir“ sondern ein real vorliegendes Gespräch von zwei völlig getrennten Persönlichkeiten. Liegt ein solcher Dialog vor?

Y. T.:
Ihre Frage, Herr Wolf, ist eine absolut wichtige Frage für mich. Ja natürlich, ich bestehe aus einem sichtbaren und einem unsichtbaren Yamauchi und es malen stets beide. Aber das Wichtige für mich ist, dass der unsichtbare Yamauchi malt. Yamauchi malt nicht, aber der unsichtbare Yamauchi treibt den sichtbaren Yamauchi an zu malen. Das ist der Zustand, vielleicht können Sie es sich vorstellen.

Um diesen Punkt zu erreichen, treibt ihn der unsichtbare Yamauchi an zu malen. Der sichtbare Yamauchi wird gezwungen zu malen. Das ist die Situation. Ich durchlebe den „MU“-Zustand, also die erfüllte Leere. Dann verlasse ich diesen Punkt und kann mit dem Malen beginnen. Das war die wichtigste Frage für mich.

F:
Die Reaktion auf das „Verhalten des Bildes“ - also so wie es Frau Megumi Tsuchiya beschreibt als „dem Ruf des Feldes“ antwortend - ist für unsere Sicht des Malvorganges gleichbedeutend mit der Tatsache, dass hier im Malen zwei Personen agieren; eine, die wir kennen und die Yamauchi Tatsuo heißt und eine, die Bildkompositionen in Auftrag gibt, die aber für uns unsichtbar bleibt, die nur durch das Bild sichtbar wird. Ist das richtig so?

Y.T.:
Das ist dieselbe Antwort wie auf die vorhergehende Frage: sichtbarer Yamauchi, unsichtbarerer Yamauchi. Der sichtbare Yamauchi hört alles, den Ruf der Leinwand, hört und sieht alles was er tun soll. Das ist Yamauchis Arbeit. Aber bevor ich diesen Zeitpunkt erreiche, macht der unsichtbare Yamauchi etwas, was ich nicht weiß. Die Arbeit stammt zwar von mir und nicht vom unsichtbaren Yamauchi, aber er macht, er malt. Der unsichtbare Yamauchi tut etwas für mich.

F:
Ich habe das deshalb gefragt, weil die gemalte Wirklichkeit von der uns umgebenen Realität so verschieden ist: Es gibt sie einfach nicht diese Flächen so, als wären sie aus Wurzelholz oder die schmalen Striche inmitten von Bildern, ähnlich einem Schlüsselloch. Diese Unähnlichkeit hat mich zum Schluss gebracht, hier habe ein anderer die andere Wirklichkeit gemalt und Yamauchi Tatsuo hätte ihm als Medium gedient. Ist es so gewesen?


Y.T.:
Natürlich sehe ich jeden Tag im täglichen Leben die gleichen Dinge, die Sie alle sehen. Aber der Unterschied ist, wie dieses Bild auf meine Gedanken wirkt nicht äußerlich. Es richtet sich an meine Gedanken und der Ausgangspunkt ist eine innere Vorstellung vom äußeren Bild zu bekommen. Das Abbild ist immer das gleiche, das wir sehen. Ich versuche dieses Abbild in meinen Gedanken zu einem Originalbild zu machen. Der nächste Schritt ist, vom Abbild, weiches in meine Gedanken transportiert wurde, ein symbolisches Bild herzustellen. Herr Sudo, mein Galerist sagt, ich könnte Bilder in einer realistischen Abbildung sehen, welche andere nicht sehen könnten.

F:
Wie ist das mit Ihren Bildern? Sehen wir beide das Gleiche? Sehen wir überhaupt dieselben Bilder, wenn wir vor ihnen stehen? Sehen Sie als in der Grundhaltung geschulter Mensch dasselbe wie ich, der diese Schulung nicht hat?

Y.T.:
Was Sie in meinen Bildern sehen, ist völlig anders als das, was ich sehe. Es ist sehr kompliziert. Ich kann die Tiefen des Materials sehen, z.B. die Leinwand. Sie würden sagen, herkömmlich, sie können nur die Oberfläche sehen. Und das ist der Unterschied zwischen Ihnen und mir.


F:
Helfen Sie uns beim Sehen! Herr Sudo hat uns beim Auspacken Ihrer Bilder sehr geholfen. Bei dieser Gelegenheit hat er gemeint, ein Bild (im goldenen Rahmen) sei außerordentlich wertvoll. Ich habe dieses Bild weit weniger geschätzt als andere der Ausstellung.

Dann habe ich über den Vorfall nachgedacht, bin aber nicht gut weiter gekommen. Was macht es aus, dass Sie dieses Bild so besonders schätzen?

Y.T.:
Ich habe den „MU“-Zustand bereits verlassen, bevor ich das gemalt habe. Danach habe ich immer wieder an Alberto Giacomettis Worte gedacht, in welchen er sagte, er würde gerne etwas ausdrücken, aber er sieht uns. Das war sehr, sehr schwierig für mich. Zu dieser Zeit hat er bereits den „MU“-Zustand verlassen. Dieses Sehen ist eine der Strukturen des Gebäudes unserer Welt, das Mandala, das Kosmogramm. Ich denke, Giacometti hat das Mandala gesehen und dieses Sehen des Mandalas in seiner Arbeit ausgedrückt.


F:
Herr Yamauchi, Sie sind ein großer Maler. Als ich durch das Museum gegangen bin, überkam mich beim Anblick der Bilder manchmal das Gefühl von Natur. Malen Sie so etwas wie Natur, nicht Naturnormen, sondern eher atmosphärische Natur, im besonderen die Farben des Herbstes, des Frühlings, des Winters oder des Sommers? Ich weiß, dass sich japanische Künstler den Jahreszeiten verbunden fühlen. Wie ist die Verbindung zur Natur grundsätzlich in Ihrer Arbeit?

Y.T.:
Natürlich nehme ich die vier verschiedenen Jahreszeiten wahr. Japanische Ästhetik und Terminologie erklären, dass bevor die Sonne aufgeht, wir den Himmel sehr dunkel sehen, das dunkle Grau, das immer roter wird und dann in Orange übergeht. Uns entgeht dieser Moment nicht und auch ich fühle diesen Moment, des grauen Himmels, bevor die Sonne aufgeht. Ich möchte diesen Moment in meiner Malerei natürlich auch ausdrücken.

F:
Was mich an Ihrer Arbeit interessiert ist: Wenn ich die Bilder betrachte, fühle ich immer einen Raum, eine Art von skulpturalem Raum, sogar bei diesen kleinen Formen, die aussehen wie vertikale Skulpturen oder wie ein Körper. Und sogar der Raum scheint zu atmen und zu rufen, man fühlt diese Formen, wie wenn eine Art Licht erschiene, wie wenn sich immer etwas bewegen würde. Ich frage Sie, woher kommt die Vorstellung von Raum, einer Art Tiefe innerhalb der Leinwand?

Y.T.:
Natürlich sind Ihre Eindrücke sehr klar und einleuchtend, viele Menschen sagen das, auch in Japan. Menschen sagen, die Leinwand bewegt sich, atmet gewissermaßen, in Richtung Betrachter. Das ist einerseits das Bild, andererseits aber auch die Technik, die diese Struktur trägt, die innere Struktur auf der Leinwand. Ich male nicht Öl AUF Leinwand, sondern Öl IN Leinwand. Das ist die Terminologie meiner Arbeit.

F:
Danke für das Gespräch, Herr Yamauchi.

© YAMAUCHI Tatsuo, Begleitheft, MUWA museum der wahrnehmung graz, 2008, YAMAUCHI Tatsumo,
Manfred Makra, Hajime Senoo, Sudo Kazumi, Megumi Tschuiya, Mag. Alfred Draxler, Mag. Eva Fürstner,
Sabine Richter, Mag. Heide Spitzer, Werner Wolf.